Archive for März 2012

das bild das sich heute in meine hirnwindungen eingefräst hat

März 28, 2012

heute morgen auf dem weg zur arbeit: ich bewege mich zu fuß auf den viktoria-luise-platz zu. da kommt ein radfahrer an mir vorbeigeschossen. ich traue meinen augen nicht. auf seinem rücken trägt er seine tochter. sie hat ihre arme um seinen hals geschlungen und hängt da wie ein klammeräffchen. ich schätz mal sie ist 5-6 jahre alt. da gehört schon eine ganz schön gehörige portion von gegenseitigem vertrauen dazu, um so etwas zu machen. bewundernswert.

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Er ist’s

März 28, 2012

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte.
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

[Eduard Mörike, 18290]

lee fields @ lido, 22.3.2012

März 23, 2012

auf dem weg zum konzert gestern abend rappt ein typ in der u1, ist das jetzt eine neue masche? scheint sich auf jeden fall finanziell auszuzahlen. gleich zwei junge männer geben ihm was. im lido geht es nicht sofort los, die discokugel rotiert so vor sich hin und wirft schattenmuster, die leute quatschen und ich stehe rum und warte. der laden ist übrigens nicht ganz voll, obwohl sie mich draußen gefragt hatten, ob ich noch eine karte übrig habe. irgendwann so gegen halb 10 kommt die band auf die bühne, alle recht jung bis auf den älteren trompeter, ein saxofonist, ein keyboarder, ein drummer, und der sehr britisch aussehende, pilzköpfige bassist mit schlafzimmerblick (erinnert mich an jemand von the who) sowie der dunkelhaarige gitarrist mit südländischen einsprengseln. die beiden geben ein lustiges paar ab, sie wippen oft synchron von links nach rechts und zurück und geben gelegentlich den background choir. nach zwei instrumentalstücken wird der von dem bassisten großspurig mit „welcome to the stage. mister. lee. fields.“ angekündigte sänger auf der bühne unter frenetischem applaus begrüßt. er hat einen leicht goldenen glitzeranzug an, von dem er nach recht kurzer zeit die jacke auszieht, dann das hemd aus der hose nimmt und das hemd aufkrempelt. auf der bühne scheint es mindestens genauso heiß zu sein wie im zuschauerraum. lee fields singt alte songs und songs vom neuen album. das publikum schreit lauter bei den alten sachen, mir gefallen die neuen besser. die alten stücke gehen mehr in richtung james brown, sind weniger melodisch und kruder während die neuen für meine begriffe fast alle ohrwürmer sind, die nach klassischem soul original aus den 70ern klingen. musik, die irgendwie in einem zeitloch festsaß und erst jetzt 40 jahre später wieder hervorgekommen ist. er singt diese lieder auch ganz anders, mit einer sehr viel ruhigeren, souligeren stimme, nicht so animalisch shoutend eher mit einer spirituellen intensität. er ist ein vollblutentertainer, der gerne das publikum ins konzert einbezieht, er sagt geschätzte zwanzig mal, dass er uns liebt, will uns dauernd zum armeschwenken animieren – was auch klappt obwohl mich das entfernt an einen gruß erinnert, den ich in deutschland eigentlich nicht mehr sehen will und lässt die menge als echogeber ins mikrofon grölen. das konzert ist nach ein paar zugaben gegen elf zu ende, für sein fortgeschrittenes alter hat lee fields gut durchgehalten. auf dem rückweg in der u1 wieder eine seltsame begegnung. am u-bahnhof kurfürstenstraße steigt ein junges mädchen – offensichtlich eine prostituierte – mit ihrem zuhälter ein. er redet auf sie ein in einer mir sehr fremden sprache, wahrscheinlich albanisch. sie sagt nix und sitzt einfach nur da. außerdem steigen dort noch zwei alte griechen in den siebzigern ein, die ausgiebig miteinander reden. eine seltsame stimmung macht sich breit. bin froh als alle ausgestiegen sind.

soul, anyone?

März 21, 2012

Lee Fields, von dem ich das erste mal letzten Freitag im Soundcheck auf radioeins gehört habe – wo sie auch eine Menge Mist vorstellen – ist morgen in Berlin und spielt im Lido in Kreuzberg. Eigentlich war Soul & Funk ja nie so meine Musik in den Siebzigern, heute weiß ich eigentlich gar nicht mehr warum. Zu soft? Zu warm? Zu kitschig? I don’t know. Inzwischen habe ich schon eine Art Faible für einen gewissen Soul entwickelt, Funk auch aber weniger. Ich denke da an Curtis Mayfield und Gil Scott-Heron, eher eine urbane Variante von Soul. Marvin Gaye mag ich irgendwie auch, aber was ich so von der neuen Platte von Lee Fields gehört habe, hat mich fast noch mehr umgehauen. Man fühlt sich wie mit einer Zeitmaschine zurückversetzt in die frühen Siebziger. Kein Wunder, Lee Fields hat Ende der Sechziger angefangen und er hat eine Soulstimme wie sie im Buche steht. Irgendwie weich und von innen kommend, da singt jemand seine Seele aus seinem Leib. Ich werde da sein, hat jemand Lust mitzukommen? Kostet so um die 25 uros.

Timm Kruse: 40 Tage Fasten

März 17, 2012

Nachdem ich ja vorletzte Woche selber fünf Tage gefastet habe und zufällig von diesem Buch gehört hatte, musste ich es mir natürlich sofort besorgen und habe es in kürzester Zeit verschlungen. Es ist sehr einfach zu lesen, mich hat allerdings die Geschwätzigkeit irritiert. Der Autor ist freier TV-Redakteur beim NDR und arbeitete z.T. auch während der Fastenperiode weiter. Gerade bei einem Buch über das Fasten, das für Konzentration und Einkehr bei sich selbst steht, hat es mich verwundert, dass einerseits soviel banale „Erkenntnisse“ ausgebreitet werden, z.B. der doch sehr abgedroschene Gedanke, wie gut es uns doch in der Wohlstandsgesellschaft geht, und dass andererseits bestimmt die Hälfte des Buches aus im Internet aufgelesenen Informationen besteht. Besonders hanebüchen war da die Sache mit der Lichtnahrung: angeblich kann man nach einer Woche Fasten und Dursten (für eine Weile?) nur noch von Licht leben. Esoterischer Humbug. Mitgenommen habe ich aus dem Buch u.a. dass das Schlafen wohl immer schwieriger wird je länger man fastet, ähnliches hatte ich ja auch selber bei meinem Kurzfasten schon bemerkt. Der Autor kämpft hier besonders mit seiner Blase, da er abends viel trinkt, muss er nachts oft mehrmals aufs Klo. Nicht überraschend fand ich, dass sich im Laufe der langen Fastenzeit der Körper immer mehr runterregelt (Puls geht runter, Blutdruck dito, man friert, man wird langsamer in den Bewegungen) in eine Art Winterschlafmodus. Auch die Überempfindlichkeit gegenüber äußeren Eindrücken – sehr schön als eine erhöhte Durchlässigkeit des Körpers gegenüber der Umwelt gedeutet – und der Hang, sich auf sich selbst zurückziehen, der parallel läuft zu einer gewissen sozialen Inkompatibilität bzw. Unausstehlichkeit waren mir nicht ganz neu. Angeblich soll die Lust auf Sex nachlassen, das halte ich für eine individuelle Eigenheit des Autoren und kann ich aus meiner im Verhältnis sehr kurzen Fastenzeit nicht bestätigen. Dass die Verdauung nahezu bis zum Ende der 40 Tage aktiv ist und Einläufe daher an der Tagesordnung bleiben, war mir vorher noch nicht bekannt. Man hat am Ende des Buchs allerdings ein bisschen das Gefühl, dass es dem Autor mehr darum geht, sich selbst zu beweisen, dass er 40 Tage ohne Essen durchhalten kann als diese Aktion dafür zu nutzen, wirklich neue Erkenntnisse über sich selbst bzw. eine tiefere Selbsterfahrung zu machen. Hierzu passt auch, dass er nach Ende seiner Fastenzeit seinen Job hinwirft, nach Indien reist und einem Guru auf seiner Weltreise zu seinen Anhängern als Assistent folgt. Der Mann ist vierzig, aber scheint noch einen großen Bedarf nach Abenteuer und Flucht vor der Realität zu haben. Das lässt ihn eher als sprunghaften Teenager erscheinen denn als reifen Mann. Er erinnert mich auch in seiner Naivität an mich selbst vor dreißig Jahren. Neben der Gurugeschichte, von der er auch völlig überdreht in Elstners „Menschen der Woche“ erzählt hat, denke ich da an seine Bettelgeschichte, er sagt zwar nicht warum er einmal bettelt, aber ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass er sich auch hier austesten wollte, ob er den eigenen Stolz soweit überwinden kann, sich soweit erniedrigen kann, dass er andere anschnorrt. Eine andere Banalität, die er nicht müde wird dauernd zu wiederholen, ist dass wir alle riesige Egoisten sind. Aber muss man, um das zu realisieren wirklich 40 Tage fasten?

Zwei Sterne.

Fasteneinstieg zu Zeiten Jesu

März 14, 2012

Darum sucht einen großen Rankkürbis mit einer Ranke von der Länge eines Mannes; nehmt sein Mark aus und füllt ihn mit Wasser des Flusses, das die Sonne erwärmte. Hängt ihn an den Ast eines Baumes und kniet auf den Boden vor dem Engel des Wassers und führt das Ende der Ranke in euer Hinterteil ein, damit das Wasser durch alle eure Eingeweide fließen kann. Lasst das Wasser dann aus eurem Körper fließen, damit es aus dem Inneren alle unreinen und stinkenden Stoffe des Satans wegspült. Und ihr werdet […] mit eurer Nase all die Abscheulichkeiten und Unreinheiten riechen, die den Tempel eures Körpers beschmutzen, und sogar all die Sünden, die in eurem Körper wohnen und euch mit allen möglichen Leiden foltern.

Schriften der Essener

Changes

März 12, 2012

Hat das Fasten irgendetwas in mir verändert bzw. angestoßen? Ja, ich glaub schon und zwar

1. Habe ich 5-6 Pfund verloren und fühle mich leichter. Ich bewege mich übrigens jetzt am oberen Rand des Normalgewichts nach BMI.
2. Esse ich bewusster, kaue ich langsamer, genieße ich das Essen länger und mehr.
3. Werde ich viel schneller pappsatt als vor dem Fasten.
4. Möchte ich (mehr) kochen.
5. Ekle ich mich gerade vor Fleisch.
6. Denke ich ernsthaft darüber nach, vor dem Essen zu beten.
7. Bin ich etwas gelassener geworden und nicht mehr ganz so gereizt wie vorher, scheint mir.
8. Möchte ich bald wieder fasten.
9. Möchte ich beim nächsten Mal ein richtiges Tagebuch schreiben.
10. Möchte ich Fasten und Wandern kombinieren.
11. Möchte ich gemeinsam mit C. fasten.
12. Habe ich als Extremzukunftsprojekt sogar 40 Tage Fasten vor Augen (Moses, Buddha & Jesus können nicht irren), das Buch von einem, der es gemacht hat, habe ich mir schon gekauft.
13. Habe ich seit über eine Woche keinen Kaffee getrunken und habe auch jetzt keine Lust darauf.
14. Habe ich seit über einer Woche nicht mehr ferngesehen und vermisse es auch nicht.

Essenspause

März 10, 2012

Letzte Woche habe ich es endlich einmal geschafft, länger als zwei Tage ohne Aufnahme fester Nahrung durchzuhalten. Ich hatte es in der Vergangenheit schon diverse Male probiert, war aber immer relativ schnell schwach geworden und hatte dann auch noch den Fehler gemacht, mir anschließend den Magen voll zu schlagen. Der Ausstieg ist so ziemlich das wichtigste beim Fasten, die Verdauungsorgane sollten langsam wieder ihre Arbeit aufnehmen; heute habe ich das Fasten mit einem Apfel gebrochen, als zweites Frühstück eine Banane ganz langsam zerkaut und mir heute Mittag ein Gemüsegericht auf Brokkolibasis gekocht.

Fünf Tage nichts zu essen war einfacher als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Immer wenn ich Hunger hatte, habe ich einfach etwas getrunken. Am Tag so um die fünf Liter, davon 3 l Kräutertee und 1 l Wasser. Mittags und abends gab es als Hauptspeise Gemüsesaft bzw. -brühe, der Nachttisch bestand aus einem Obstsaft, den ich mir genüsslich auf der Zunge zergehen ließ. Buchingerfasten also, das Buch, das mich begleitet hat, war Fasten von Hellmut Lützner. So – als Hungerkünstler – hätte ich eigentlich weitermachen können, heute morgen verspürte ich keinerlei Lust auf feste Kost, man kann sich wirklich daran gewöhnen mal eine Weile nichts außer Flüssigkeiten oral zu konsumieren. Ein Ergebnis war der Verlust von sieben Pfunden, wobei das Gewicht die letzten beiden Tage laut Körperfettwaage angeblich unverändert geblieben ist. Die Gewichtsabnahme war allerdings nicht der Grund für die Abstinenz.

Mir ging es eher um ein Abschalten, ein zu mir kommen, eine Periode des Nachdenkens über mich selbst und meinen Weg, den ich gehe. Das ist nicht so richtig gelungen, der Haupteffekt des Fastens war gerade nicht eine Beruhigung, sondern eher eine Aufputschung. Dadurch, dass meine Gedärme für fünf Tage still standen, fühlte ich mich selbst sehr aufgekratzt und hibbelig. Hierzu passt die Beobachtung der den ganzen Tag wiederkäuenden Kühe, deren ausgefeiltes Verdauungssystem ja wohl auch eher beruhigend wirkt. Der Schlaf war eher kurz, ich kam morgens meist deswegen nicht raus weil ich die Wärme nicht gegen die Kälte tauschen wollte, ich hatte übrigens Urlaub genommen, was das Projekt enorm erleichtert hat. Im Arbeitsstress bei dauernd klingelndem Telefon mit Leuten, die etwas von mir wollen, hätte ich wahrscheinlich sehr bald dem Essenstrieb nachgegeben.

Der Körper kennt zwei Energieprogramme. Zum einen das normale, in dem ihm Nahrung zugeführt wird, die er dann in Magen und Darm verarbeitet und in Energie umwandelt, die er für seinen Betrieb benötigt. Bei diesem Programm gehen allein 30% der Energie für die Verdauung drauf, ein Wirkungsgrad, der übrigens gar nicht so übel ist. Zum andern gibt es das Fastenprogramm, in dem die Verdauung ruht und die Energie aus den körpereigenen Reserven – der eigenen Speisekammer – bezogen wird. Alle überflüssigen und giftigen Stoffe im Körper werden in diesem Modus abgebaut. Man muss nur den Schalter zwischen den zwei Programmen umschalten, was am besten durch eine Reinigung der Gedärme eingeleitet wird.

Eine kleine Herausforderung war der Einstieg am Montag. Bei früheren Versuchen hatte ich es mit Glaubersalz versucht, das ist zwar sehr effektiv, aber dadurch wird auch die Innenflora, wie ich sie jetzt mal umschreiben will, vollständig wegschwemmt. Bei mir hat es anschließend immer mindestens eine Woche gedauert bis sich alles wieder intern normalisiert hatte. Nein, dieses Mal habe ich eine auch in dem o.g. Buch als sanfter empfohlene Methode probiert: den Einlauf. Ein entsprechendes Gerät habe ich in der Apotheke für 10 Euro erworben, es besteht aus einem Wassersack, den man z.B. an der Türklinke befestigt, einem daran hängenden Schlauch sowie einem Plastikrohr. Ich glaube, ich brauche das Vorgehen nicht im Detail zu beschreiben, es ist nicht die schönste Erfahrung, es gibt aber auch schlimmere. Auf jeden Fall ist auch dieses Verfahren sehr effektiv, es dauert gerade mal eine Minute bis zur ebenfalls explosiven Entleerung.

Während der Fastentage bin ich relativ viel spazieren gegangen, der Körper will sich einfach bewegen, es ist ein bisschen wie ein zur Ruhe kommen im Gehen. Man fühlt sich auch leichter und beschwingter im Fastenmodus, was ja auch einleuchtend ist. Ich bin allein zweimal von Wilmersdorf in die Nähe des Alexanderplatzes gegangen. Wichtig bei längeren Promenaden war auf jeden Fall, sich Zeit zu nehmen, also auch mal ein Päuschen zu machen, bei dem man sein Wasserfläschchen getrunken hat. Nächstes Mal möchte ich unbedingt Fasten und Wandern noch besser kombinieren, ich denke an Langstreckenwandern, z.B. Jakobsweg von Berlin nach Tangermünde mit 20 Km-Etappen.

Was habe ich sonst so während der fünf Tage gemacht? Ich bin sie eher ruhig angegangen. Habe viel gelesen, viel Musik gehört, war im Kino, wo ich nachmittags in einer Vorstellung, in der ich mit Abstand der jüngste war, The Artist gesehen habe, einen Zombiefilm, in dem die Stummfilmzeit perfekt nachgebildet wird, der aber völlig hohl und leer erscheint, ein symptomatischer Film für unsere Zeit, in der die Nachempfindung vergangener Epochen egal ob in Kunst, Musik oder Film der Hauptzeitvertreib des Mainstreams in den schönen Künsten geworden zu sein scheint. Gegen Ende der Woche habe ich dann endlich unter dem Druck der mir davonlaufenden Zeit etwas mit dem Aufräumen begonnen. Ich habe übrigens überhaupt nicht ferngesehen, hingegen habe ich natürlich jede Menge Zeit im Internet vor dem Monitor des Netbooks verbracht. Sportlich habe ich neben den Spaziergängen ein bisschen mit den Hanteln gearbeitet, etwas jongliert und einmal habe ich mich sogar auf das Ergometer gesetzt, trotz im Verhältnis zum normalen Programm deutlich reduzierter Maximalleistung von 275 Watt, habe ich allerdings nach knapp 20 Minuten abgebrochen, die Atmung war etwas kurz und unregelmäßig, aber der Grund für die Aufgabe lag vor allem im Kopf, ich verspürte keinerlei Lust auf den Kampf mit dem inneren Schweinehund.

Gerüche waren während der Fastenperiode besonders penetrant, das war neben der Aufgedrehtheit und generellen Überempfindlichkeit ein weiterer Grund, wieso ich kaum unter Leute wollte. Zum einen natürlich Essensdüfte, die auch das Wasser eines Fastenden im Munde zusammenlaufen lassen. Am schlimmsten waren allerdings ganz klar die Parfüme und Deos. Die Attacke auf meinen Geruchssinn Kulminierte in der Volksbühne am Donnerstag Abend beim Tindersticks-Konzert. Was da einige Damen aufgetragen hatten, das ging auf keine Hundenase. Wobei ich gerechterweise sagen muss, dass ein Fastender jetzt auch nicht immer nach Rosenwasser riecht, vor allem nicht aus dem Mund, aber lassen wir das jetzt.

Was habe ich im einzelnen zu mir genommen? Da waren neben dem Mineralwasser – ich hatte medium, still war eigentlich empfohlen – natürlich zum einen verschiedene Teesorten, anfangs habe ich mir morgens schwarzen Tee geleistet, das aber bald aufgegeben, als ich gemerkt habe, dass die aufputschende Wirkung noch stärker war als sonst schon. Als Kräutertee habe ich häufig Minze getrunken, auch leicht belebend, gleichzeitig gut für den Atem. Andere Kräutertees waren eher beruhigend wie Rooibos, Zitronengras (gerne mit Minze oder Johanniskraut gemischt) und Süßholz. Ich habe auch oft frischen, in Scheiben geschnittenen Ingwer hinzugetan, dessen reinigende Wirkung sich in der Schärfe manifestierte, die er auf dem Boden der Teekanne entwickelte. Außerdem hatte ich noch einen sehr aromatischen, erfrischenden Früchtetee, der vor allem aus roten Früchten wie Erd- und Himbeeren bestand. Die klare Gemüsebrühe, die ich die ersten Tage in Niederhöchstadt gegessen habe, hatte C gekocht. Sie basierte auf Karotten, Stangensellerie, Tomaten, Porree, Kartoffeln, Brokkoli, Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Chili, Thymian und Salz. Die Gemüsesäfte, die ich probiert habe, waren ein gemischter Saft (im Grunde mein Lieblingsgemüsesaft), ein Tomatensaft (auch gut), sowie ein Karottensaft und ein Sauerkrautsaft, die ich beide allein nicht trinken konnte, der eine war zu süß, der andere zu sauer. Aber in der Kombination waren sie genießbar. Schlussendlich noch die Obstsäfte, die ich meist als Nachtisch trank. Sehr lecker war der trübe Apfelsaft von einer lokalen Apfelkelterei, die Süße konnte ich in kleinen Zügen genießen. Außerdem habe ich eine leckere Mischung aus Wasser und Johannisbeersaft zu mir genommen. Morgens trank ich meist mein Gläschen Orangen- bzw. Grapefruitsaft.

Tindersticks @ Volksbühne, Berlin, 8.3.2012

März 9, 2012

Auf dem Weg zur Volksbühne, den ich zu Fuß zurücklege, laufe ich südlich am Tiergarten vorbei. Da höre ich trotz Ohrhörern ein seltsames Geräusch im Hintergrund, es hört sich wie ein hohes, durchdringendes Rauschen an, es sind Vuvuzelas, die unseren Kurzpräsidenten standesgemäß aus dem Bellevue verabschieden. Er hat sie sich wohlverdient. In der Volksbühne ist es tatsächlich ziemlich rappelvoll, hatte mich etwas gewundert, dass die Tindersticks zweimal hintereinander den Laden vollmachen, und dann auch noch bei salzigen Preisen um die 40 Euro. Ich zähle durch und komme auf ca. 500 Sitzplätze, weniger als ich gedacht hatte. Ich habe die Tindersticks vor knapp 20 Jahren schon einmal in Nancy gesehen, da war ich mit meinem italienischen Freund A und seinem besten Kumpel O, der sich bei dem Konzert fürchterlich gelangweilt hat, da er eher der Headbangerfraktion angehörte. Ca. eine halbe Stunde nach der pünktlich um acht anfangenden französischen One Man Band, die ihre Sache gar nicht so übel macht obwohl a. die meiste Musik aus der Retorte als kurz vorher live aufgenommer Loop über die Anlage kommt (s. 3. Kommentar) und b. ich fast weggepennt wäre weil es nicht sehr abwechslungsreich ist, was er da an Percussion, Gitarre und Gesang fabriziert, kommt der inzwischen ergraute, etwas tapsige Stuart Staples mit seiner Band auf die Bühne. Sie starten mit einem Lied von der ersten – und mir immer noch liebsten – Platte, ich glaube es heißt Blood. Diese sonore Baritonstimme steht immer noch für Late Night Gänsehautatmosphäre, hört sich kitschig an, muss manchmal sein. Die Band ist meist zu sechst, außerdem ein Gitarrist, ein Bassist, ein Drummer, ein Keyboarder und ein Saxofonist, der auch manchmal an dem 2. Keyboard spielt. Staples spielt gelegentlich auch Gitarre, ich höre sie allerdings kaum raus. Der Leadgitarrist spielt ein Instrument mit einem riesigen Hohlkörper und arbeitet mit diversen Hall- und Kratzeffekten, ein sehr guter Mann. Der Bassist ist auch nicht so leicht zu hören, obwohl sein E-Bass ziemlich laut ist und sehr schön swingt. Der Drummer kommt mir anfangs sehr mechanisch in seinem Spiel vor, fast wie eine drum machine aber im Laufe des Abends trommelt er variationsreicher. Der Keyboarder sorgt natürlich für den nötigen Groove, der Northern Soul lässt grüßen. Er spricht auch das überlange Chocolate: der Opener des exzellenten neuen Albums mit der überraschenden Wendung in den Lyrics. Das Stück besteht aus zwei Teilen, im ersten wird ein wildes, freejazziges Crescendo aufgebaut, das langsam ausklingt. An der Stelle klatscht das Publikum, die Band nimmt es locker. Höhepunkt des Abends ist zweifelsohne Frozen, auch vom neuen Album. Auch dieses Stück schwillt an, der Gesang und die Leadgitarre hallen sehr stark, der Gitarrist streicht sehr schnell über die Saiten was eine Art peitschendes Schnarren erzeugt, einen interessanten Effekt, den ich so noch nie gehört habe. Der Song wird sehr intensiv, nahezu ekstatisch mit einem Stuart Staples, der die Silben verschluckt „I want to hold you“ zigmal wiederholt, sehr eindrucksvoll. Zur Zugabe lassen sie die Zuschauer sich mehrere Minuten die Hände wundklatschen. Dann kommt zuerst die exzellente Ballade If She’s Torn von den vierten Album Simple Pleasure, die sich wohl auch jemand lautstark gewünscht hatte, der angeblich nur wegen diesem Lied gekommen war. Dann kommt noch ein rockiges Stück, das okay war, aber im Tinderstickkosmos wie ein schwarzes Loch dasteht, ein Fremdkörper in ihrem Oeuvre. Zuletzt noch ein ruhiges Ständchen mit glockenspieligem Keyboard und Gesang. Gerade mal 90 Minuten. So sind sie halt die Engländer. Ausdauer ist ihre Stärke nicht.

Low im Lido, Berlin, 30.5.2011

März 5, 2012

Hier ein paar Sätze, die ich zu meinem letztjährigen Lieblingskonzert notiert hatte:

Gehe dann ins Lowkonzert im Lido (U-Bahn Schlesisches Tor). Am Anfang ist es sehr leer, der Saal füllt sich langsam. Die Vorgruppe ist irgendwo in Indien hängengeblieben, daher fängt Low schon so gegen 10 Uhr an. Es ist sehr warm, mir rinnen Schweißbäche die Wangen runter. Low sind zu viert, außer Alan, Mimi und dem Bassisten noch ein zotteliger Keyboarder mit trendiger Sonnenbrille. Sie schaffen es sofort wieder diese spirituelle Stimmung zu erzeugen. Mich wundert allerdings, dass das Publikum sich fast gar nicht bewegt. Ich komme mir vor als wäre ich der einzige, der auf der Stelle und mit dem Kopf tanzt. In einem Lied singen sie vom Retten der Welt – „to save the world“ – und ich möchte immer hören “to say the word”. Als würde es ausreichen mit einem Wort, die Welt zu retten, ein magisches Wort und alles wird gut. Irgendwann fragt jemand, ob wir uns was wünschen dürfen – wie putzig diese Höflichkeit und ehrfürchtige Zurückhaltung des Publikums – ich rufe Transmission aber Alan hört es nicht. Das Mädchen vor mir dreht sich nach mir um, im Grunde habe ich es nur wegen ihr gerufen. Ich habe mich unsterblich in sie verliebt, sie ist mittelgroß. Sie ist der Jean Seberg-Typ, kurze Haare, Haare irgendwie blond, aber nicht zu blond.