Archive for the ‘diary’ Category

love is all you need

Juli 9, 2012

gestern abend am frankfurter hauptbahnhof warte ich auf gleis neun auf meinen wegen „personen auf den gleisen“ um eine gute halbe stunde verspäteten zug zum berliner ostbahnhof, auf den der db infopunkt netterweise mein ticket umgeschrieben hat, das eigentlich einen umstieg in hannover vorgesehen hatte, den ich aber niemals geschafft hätte weil der zug nach hannover aus demselben grund verspätet war. lese karl, die kulturelle schachzeitschrift mit einem special zum moskauer wm-kampf, die ich mir in der bahnhofsbuchhandlung gekauft habe. ein eher langweiliges match für die hardcorefraktion. ich hebe den blick und sehe mir gegenüber auf gleis acht ein pärchen in einem zug, der gleich abfahren wird, auf den stufen zum wagen stehen. er mit dem rücken zu mir, sie dahinter mit dem gesicht zu mir. sie sind engumschlungen, küssen sich als gäbe es kein morgen. für eine gefühlte ewigkeit. irgendwann gibt der schaffner das pfeifsignal, der junge mann beendet den kuss und steigt aus dem zug, der sich langsam in bewegung setzt. er geht neben dem zug und winkt seiner angebeteten ganz leicht mit der rechten hand zu. der zug beschleunigt, er auch. er rennt parallel zum zug auf ihrer höhe den bahnsteig entlang bis kurz vor seinem ende. so eine schöne filmszene habe ich lange nicht mehr gesehen.

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das bild das sich heute in meine hirnwindungen eingefräst hat

März 28, 2012

heute morgen auf dem weg zur arbeit: ich bewege mich zu fuß auf den viktoria-luise-platz zu. da kommt ein radfahrer an mir vorbeigeschossen. ich traue meinen augen nicht. auf seinem rücken trägt er seine tochter. sie hat ihre arme um seinen hals geschlungen und hängt da wie ein klammeräffchen. ich schätz mal sie ist 5-6 jahre alt. da gehört schon eine ganz schön gehörige portion von gegenseitigem vertrauen dazu, um so etwas zu machen. bewundernswert.

lee fields @ lido, 22.3.2012

März 23, 2012

auf dem weg zum konzert gestern abend rappt ein typ in der u1, ist das jetzt eine neue masche? scheint sich auf jeden fall finanziell auszuzahlen. gleich zwei junge männer geben ihm was. im lido geht es nicht sofort los, die discokugel rotiert so vor sich hin und wirft schattenmuster, die leute quatschen und ich stehe rum und warte. der laden ist übrigens nicht ganz voll, obwohl sie mich draußen gefragt hatten, ob ich noch eine karte übrig habe. irgendwann so gegen halb 10 kommt die band auf die bühne, alle recht jung bis auf den älteren trompeter, ein saxofonist, ein keyboarder, ein drummer, und der sehr britisch aussehende, pilzköpfige bassist mit schlafzimmerblick (erinnert mich an jemand von the who) sowie der dunkelhaarige gitarrist mit südländischen einsprengseln. die beiden geben ein lustiges paar ab, sie wippen oft synchron von links nach rechts und zurück und geben gelegentlich den background choir. nach zwei instrumentalstücken wird der von dem bassisten großspurig mit „welcome to the stage. mister. lee. fields.“ angekündigte sänger auf der bühne unter frenetischem applaus begrüßt. er hat einen leicht goldenen glitzeranzug an, von dem er nach recht kurzer zeit die jacke auszieht, dann das hemd aus der hose nimmt und das hemd aufkrempelt. auf der bühne scheint es mindestens genauso heiß zu sein wie im zuschauerraum. lee fields singt alte songs und songs vom neuen album. das publikum schreit lauter bei den alten sachen, mir gefallen die neuen besser. die alten stücke gehen mehr in richtung james brown, sind weniger melodisch und kruder während die neuen für meine begriffe fast alle ohrwürmer sind, die nach klassischem soul original aus den 70ern klingen. musik, die irgendwie in einem zeitloch festsaß und erst jetzt 40 jahre später wieder hervorgekommen ist. er singt diese lieder auch ganz anders, mit einer sehr viel ruhigeren, souligeren stimme, nicht so animalisch shoutend eher mit einer spirituellen intensität. er ist ein vollblutentertainer, der gerne das publikum ins konzert einbezieht, er sagt geschätzte zwanzig mal, dass er uns liebt, will uns dauernd zum armeschwenken animieren – was auch klappt obwohl mich das entfernt an einen gruß erinnert, den ich in deutschland eigentlich nicht mehr sehen will und lässt die menge als echogeber ins mikrofon grölen. das konzert ist nach ein paar zugaben gegen elf zu ende, für sein fortgeschrittenes alter hat lee fields gut durchgehalten. auf dem rückweg in der u1 wieder eine seltsame begegnung. am u-bahnhof kurfürstenstraße steigt ein junges mädchen – offensichtlich eine prostituierte – mit ihrem zuhälter ein. er redet auf sie ein in einer mir sehr fremden sprache, wahrscheinlich albanisch. sie sagt nix und sitzt einfach nur da. außerdem steigen dort noch zwei alte griechen in den siebzigern ein, die ausgiebig miteinander reden. eine seltsame stimmung macht sich breit. bin froh als alle ausgestiegen sind.

Essenspause

März 10, 2012

Letzte Woche habe ich es endlich einmal geschafft, länger als zwei Tage ohne Aufnahme fester Nahrung durchzuhalten. Ich hatte es in der Vergangenheit schon diverse Male probiert, war aber immer relativ schnell schwach geworden und hatte dann auch noch den Fehler gemacht, mir anschließend den Magen voll zu schlagen. Der Ausstieg ist so ziemlich das wichtigste beim Fasten, die Verdauungsorgane sollten langsam wieder ihre Arbeit aufnehmen; heute habe ich das Fasten mit einem Apfel gebrochen, als zweites Frühstück eine Banane ganz langsam zerkaut und mir heute Mittag ein Gemüsegericht auf Brokkolibasis gekocht.

Fünf Tage nichts zu essen war einfacher als ich es mir ursprünglich vorgestellt hatte. Immer wenn ich Hunger hatte, habe ich einfach etwas getrunken. Am Tag so um die fünf Liter, davon 3 l Kräutertee und 1 l Wasser. Mittags und abends gab es als Hauptspeise Gemüsesaft bzw. -brühe, der Nachttisch bestand aus einem Obstsaft, den ich mir genüsslich auf der Zunge zergehen ließ. Buchingerfasten also, das Buch, das mich begleitet hat, war Fasten von Hellmut Lützner. So – als Hungerkünstler – hätte ich eigentlich weitermachen können, heute morgen verspürte ich keinerlei Lust auf feste Kost, man kann sich wirklich daran gewöhnen mal eine Weile nichts außer Flüssigkeiten oral zu konsumieren. Ein Ergebnis war der Verlust von sieben Pfunden, wobei das Gewicht die letzten beiden Tage laut Körperfettwaage angeblich unverändert geblieben ist. Die Gewichtsabnahme war allerdings nicht der Grund für die Abstinenz.

Mir ging es eher um ein Abschalten, ein zu mir kommen, eine Periode des Nachdenkens über mich selbst und meinen Weg, den ich gehe. Das ist nicht so richtig gelungen, der Haupteffekt des Fastens war gerade nicht eine Beruhigung, sondern eher eine Aufputschung. Dadurch, dass meine Gedärme für fünf Tage still standen, fühlte ich mich selbst sehr aufgekratzt und hibbelig. Hierzu passt die Beobachtung der den ganzen Tag wiederkäuenden Kühe, deren ausgefeiltes Verdauungssystem ja wohl auch eher beruhigend wirkt. Der Schlaf war eher kurz, ich kam morgens meist deswegen nicht raus weil ich die Wärme nicht gegen die Kälte tauschen wollte, ich hatte übrigens Urlaub genommen, was das Projekt enorm erleichtert hat. Im Arbeitsstress bei dauernd klingelndem Telefon mit Leuten, die etwas von mir wollen, hätte ich wahrscheinlich sehr bald dem Essenstrieb nachgegeben.

Der Körper kennt zwei Energieprogramme. Zum einen das normale, in dem ihm Nahrung zugeführt wird, die er dann in Magen und Darm verarbeitet und in Energie umwandelt, die er für seinen Betrieb benötigt. Bei diesem Programm gehen allein 30% der Energie für die Verdauung drauf, ein Wirkungsgrad, der übrigens gar nicht so übel ist. Zum andern gibt es das Fastenprogramm, in dem die Verdauung ruht und die Energie aus den körpereigenen Reserven – der eigenen Speisekammer – bezogen wird. Alle überflüssigen und giftigen Stoffe im Körper werden in diesem Modus abgebaut. Man muss nur den Schalter zwischen den zwei Programmen umschalten, was am besten durch eine Reinigung der Gedärme eingeleitet wird.

Eine kleine Herausforderung war der Einstieg am Montag. Bei früheren Versuchen hatte ich es mit Glaubersalz versucht, das ist zwar sehr effektiv, aber dadurch wird auch die Innenflora, wie ich sie jetzt mal umschreiben will, vollständig wegschwemmt. Bei mir hat es anschließend immer mindestens eine Woche gedauert bis sich alles wieder intern normalisiert hatte. Nein, dieses Mal habe ich eine auch in dem o.g. Buch als sanfter empfohlene Methode probiert: den Einlauf. Ein entsprechendes Gerät habe ich in der Apotheke für 10 Euro erworben, es besteht aus einem Wassersack, den man z.B. an der Türklinke befestigt, einem daran hängenden Schlauch sowie einem Plastikrohr. Ich glaube, ich brauche das Vorgehen nicht im Detail zu beschreiben, es ist nicht die schönste Erfahrung, es gibt aber auch schlimmere. Auf jeden Fall ist auch dieses Verfahren sehr effektiv, es dauert gerade mal eine Minute bis zur ebenfalls explosiven Entleerung.

Während der Fastentage bin ich relativ viel spazieren gegangen, der Körper will sich einfach bewegen, es ist ein bisschen wie ein zur Ruhe kommen im Gehen. Man fühlt sich auch leichter und beschwingter im Fastenmodus, was ja auch einleuchtend ist. Ich bin allein zweimal von Wilmersdorf in die Nähe des Alexanderplatzes gegangen. Wichtig bei längeren Promenaden war auf jeden Fall, sich Zeit zu nehmen, also auch mal ein Päuschen zu machen, bei dem man sein Wasserfläschchen getrunken hat. Nächstes Mal möchte ich unbedingt Fasten und Wandern noch besser kombinieren, ich denke an Langstreckenwandern, z.B. Jakobsweg von Berlin nach Tangermünde mit 20 Km-Etappen.

Was habe ich sonst so während der fünf Tage gemacht? Ich bin sie eher ruhig angegangen. Habe viel gelesen, viel Musik gehört, war im Kino, wo ich nachmittags in einer Vorstellung, in der ich mit Abstand der jüngste war, The Artist gesehen habe, einen Zombiefilm, in dem die Stummfilmzeit perfekt nachgebildet wird, der aber völlig hohl und leer erscheint, ein symptomatischer Film für unsere Zeit, in der die Nachempfindung vergangener Epochen egal ob in Kunst, Musik oder Film der Hauptzeitvertreib des Mainstreams in den schönen Künsten geworden zu sein scheint. Gegen Ende der Woche habe ich dann endlich unter dem Druck der mir davonlaufenden Zeit etwas mit dem Aufräumen begonnen. Ich habe übrigens überhaupt nicht ferngesehen, hingegen habe ich natürlich jede Menge Zeit im Internet vor dem Monitor des Netbooks verbracht. Sportlich habe ich neben den Spaziergängen ein bisschen mit den Hanteln gearbeitet, etwas jongliert und einmal habe ich mich sogar auf das Ergometer gesetzt, trotz im Verhältnis zum normalen Programm deutlich reduzierter Maximalleistung von 275 Watt, habe ich allerdings nach knapp 20 Minuten abgebrochen, die Atmung war etwas kurz und unregelmäßig, aber der Grund für die Aufgabe lag vor allem im Kopf, ich verspürte keinerlei Lust auf den Kampf mit dem inneren Schweinehund.

Gerüche waren während der Fastenperiode besonders penetrant, das war neben der Aufgedrehtheit und generellen Überempfindlichkeit ein weiterer Grund, wieso ich kaum unter Leute wollte. Zum einen natürlich Essensdüfte, die auch das Wasser eines Fastenden im Munde zusammenlaufen lassen. Am schlimmsten waren allerdings ganz klar die Parfüme und Deos. Die Attacke auf meinen Geruchssinn Kulminierte in der Volksbühne am Donnerstag Abend beim Tindersticks-Konzert. Was da einige Damen aufgetragen hatten, das ging auf keine Hundenase. Wobei ich gerechterweise sagen muss, dass ein Fastender jetzt auch nicht immer nach Rosenwasser riecht, vor allem nicht aus dem Mund, aber lassen wir das jetzt.

Was habe ich im einzelnen zu mir genommen? Da waren neben dem Mineralwasser – ich hatte medium, still war eigentlich empfohlen – natürlich zum einen verschiedene Teesorten, anfangs habe ich mir morgens schwarzen Tee geleistet, das aber bald aufgegeben, als ich gemerkt habe, dass die aufputschende Wirkung noch stärker war als sonst schon. Als Kräutertee habe ich häufig Minze getrunken, auch leicht belebend, gleichzeitig gut für den Atem. Andere Kräutertees waren eher beruhigend wie Rooibos, Zitronengras (gerne mit Minze oder Johanniskraut gemischt) und Süßholz. Ich habe auch oft frischen, in Scheiben geschnittenen Ingwer hinzugetan, dessen reinigende Wirkung sich in der Schärfe manifestierte, die er auf dem Boden der Teekanne entwickelte. Außerdem hatte ich noch einen sehr aromatischen, erfrischenden Früchtetee, der vor allem aus roten Früchten wie Erd- und Himbeeren bestand. Die klare Gemüsebrühe, die ich die ersten Tage in Niederhöchstadt gegessen habe, hatte C gekocht. Sie basierte auf Karotten, Stangensellerie, Tomaten, Porree, Kartoffeln, Brokkoli, Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Chili, Thymian und Salz. Die Gemüsesäfte, die ich probiert habe, waren ein gemischter Saft (im Grunde mein Lieblingsgemüsesaft), ein Tomatensaft (auch gut), sowie ein Karottensaft und ein Sauerkrautsaft, die ich beide allein nicht trinken konnte, der eine war zu süß, der andere zu sauer. Aber in der Kombination waren sie genießbar. Schlussendlich noch die Obstsäfte, die ich meist als Nachtisch trank. Sehr lecker war der trübe Apfelsaft von einer lokalen Apfelkelterei, die Süße konnte ich in kleinen Zügen genießen. Außerdem habe ich eine leckere Mischung aus Wasser und Johannisbeersaft zu mir genommen. Morgens trank ich meist mein Gläschen Orangen- bzw. Grapefruitsaft.

A perfect day (for a funeral)?

Dezember 3, 2011

https://docs.google.com/uc?export=download&id=0B6VP-jaS7U-JU2o1cVczQXlHNytTV3BVVFdZQ3ZTVnpPQ0VrPQ&revision=true
Gestern war die Beerdigung meines Patenonkels, ich habe es schon erwähnt. Morgens fuhr ich mit der U2 und dann ab Turmstraße mit dem TXL-Bus zum Flughafen Tegel. Kurz vor dem Flughafen gucke ich auf die Uhr und es fällt mir auf, dass ich einen Denkfehler gemacht habe. Es ist 9h30. Nicht der Abflug von Tegel ist 10h10, nein die Ankunft in Frankfurt ist zu dieser Uhrzeit. Mit anderen Worten, ich haben meinen Flieger verpasst, der Abflug war um 8h55. Im Flughafen organisiere ich noch in letzter Sekunde – die Dame am Ticketschalter muss sich noch am Gate erkundigen, ob sie mich noch akzeptieren, da der Ticketverkauf eine halbe Stunde vor der Abflugszeit eigentlich geschlossen wird – ein Ticket mit dem nächsten Flugzeug, das wirklich um 10h10 abfliegt. Es ist von der anderen Airline. Den Preis erwähne ich jetzt mal nicht, ich glaube die Stunde, die ich mir morgens zusätzlich genommen habe, war eine der teuersten Stunden meines Lebens. Von jetzt an verzögern sich noch so einige Sachen, in Frankfurt-Zentrum bin ich erst kurz vor halb eins. Wir können es nicht schaffen bis um 1 nach Oberissigheim. Im Ort natürlich im Umkreis der Kirche kein Parkplatz, wir sind kurz vor Viertel nach eins dort, die Leute stehen im Regen vor der Kirche, die Kirche ist voll. Wir spannen die Regenschirme auf und hören Musik. Ich weiß wer da spielt, meine beiden Vettern, der eine die Geige, der andere die Orgel. Ich kann mir denken was, ich kenne die Musik, weiß es aber nicht genau. Ja es ist natürlich Bach, der erste Satz des Violinkonzerts a-Moll. Wie da an diesem trüben, regnerischen Dezembertag die Geige aus der Kirche nach draußen schallt, wo wir uns die Füße abfrieren, da frage ich mich, wie es möglich ist, dass mein Cousin diese überirdisch schöne Melodie auf der Geige spielen kann, ohne zu weinen. Vielleicht weint er ja, ich sehe ihn nicht, aber ich glaube es nicht. Ich hingegen stemme mich gegen die Tränenflut die sich da Bahn brechen will, ich kann so gerade eben widerstehen, als die anderen nach der Predigt aus der Kirche kommen, muss ich mich auch nochmal zusammenreißen, mein Vater will mich ansprechen, lässt es aber dann, ein Wort hätte das Fass bei mir zum Überlaufen gebracht, ich glaube er hat es gemerkt. Die Trauergemeinde strömt zum Dorffriedhof, der sich ganz langsam füllt, es dauert bestimmt eine Viertelstunde bis alle da sind und der Pfarrer weitermachen kann. Es sind so um die 400 Leute, so viele Menschen habe ich bei einem Begräbnis noch nie erlebt. Da sind die Jagdhornbläser, die Johanniter, die Vereinskameraden, die Leute aus dem Dorf, die Freunde, die Familie etc. In dem Moment wo sein Sarg ins Grab hinabgelassen wird, intonieren die Jagdhörner noch einen letzten Tusch, wieder kämpfe ich mit den Tränen, wie unglaublich stark ein paar Töne in diesen Umständen wirken können, die wohlgewählten Worte des sehr jungen Pfarrers, der seine Sache sehr gut macht, haben eher eine beruhigende Wirkung.

Die Einschläge…

Dezember 1, 2011


Vor einer Woche ist mein Patenonkel gestorben, morgen ist die Beerdigung. Ich stand ihm nicht sehr nahe, heute frage ich mich warum, er gehörte einer Generation an, die noch die Kriegs- und Nachkriegszeit mit Haut und Haaren erlebt hat, aber ich glaube nicht, dass das der Grund war, warum wir eigentlich fast immer nur eher oberflächlich und smalltalkartig miteinander kommunizierten. Er lebte in einer völlig anderen Welt, auf einem Reiterhof mit vielen Pferden, in einem kleinen Dorf, wo jeder sich kennt. Eine Besonderheit an ihm war, dass er eine Art Patriarch war, also etwas was es heute in Deutschland kaum noch gibt, alle nannten ihn Papus. Als junger Teenager war ich in der Mitte der Siebziger mehrmals in den Ferien auf dem Hof reiten, da ich sein Patenkind war, mussten wir nichts bezahlen. Das Reiten war nicht so mein Ding, ich glaube mir tat schnell der Rücken weh, insbesondere beim Trab, Galoppieren war natürlich ein wildes Gefühl des über die Erde Fliegens. Während der Ferien dort habe ich hauptsächlich Tischtennis gespielt und wir haben Lieder gesungen, die ich nirgendwo anders je gehört habe (z.B. Lager-Boogie). Am Besten erinnere ich mich aber an die rauschenden Familienfeste, die wir bei E. gefeiert haben, er hat sein Leben in vollen Zügen genossen und hat uns, die recht große Familie, daran teilhaben lassen. Berüchtigt waren seine Reden, wenn er einmal angefangen hatte, fiel es ihm schwer wieder aufzuhören, er drehte häufig rhetorische Pirouetten, er stand gerne im Rampenlicht. Bei diesen Festen, die natürlich meist im Sommer stattfanden, habe ich dann oft bis zur Morgendämmerung beim zigten frisch gezapften Bier mit meinen Vettern und Kusinen über Gott und die Welt gequatscht. A propos Welt. Man sagt ja, dass mit jedem Menschen eine Welt untergeht, bei E. stimmt das auf jeden Fall, mit seinem Tod ist die Welt um ein großes Original ärmer geworden.

Das Lied da oben ist von den beiden Schotten Bill Wells (Piano) und Aidan Moffat (Gesang): Die Totenwache nimmt den Erzähler so mit, dass er sofort in den Pub neben dem Krematorium gehen muss.

P.S. Vor das Feiern hat der liebe G. die Arbeit gesetzt, das ist in dem Posting zu kurz gekommen. Mein Onkel hat vor allem natürlich in der Erntezeit, wenn das Heu auf dem Hänger eingefahren wurde – den Traktor fuhr er meistens selber, wenn ich mich recht erinnere – geschuftet wie ein Berserker, er war ein Typ, der auch sehr wohl in der Lage war, kaum Worte zu machen und einfach nur zuzupacken.

Kurt Vile – Jesus Fever

September 21, 2011


Zwischen Berlin und dem Rhein-Main-Gebiet pendel ich ungefähr jedes zweite Wochenende entweder mit dem Flieger, der Bahn oder dem Auto. Durch die verschiedenen Verkehrsmittel ergeben sich andere Perspektiven, der erhabene Blick aus dem Flugzeug von oben auf die Stadt, der verhuschte Blick auf die vorüberfliegende Umgebung aus dem ICE, der mit 300 Sachen dahinrast und der nach vorn gerichtete Blick des Autofahrers, der am meisten drin ist in der Landschaft, durch die er hindurchfährt. Wenn ich mit dem Wagen fahre, versuche ich Leute mitzunehmen, die ich übers Internet finde. Zum einen vergeht die Zeit schneller zu zweit, jedenfalls, wenn man ins Gespräch kommt, zum andern kann man so die Treibstoffkosten teilen. Und das ökologische Gewissen beruhigt es auch ein bisschen. Neulich auf dem Weg zurück nach Berlin hatte ich einen jungen Mann aus der Filmbranche dabei, ich glaube er war Cutter oder so was ähnliches und er hatte gerade an einer TV-Produktion zu einem Jazzmusiker (Chet Baker?) mitgearbeitet. Da im Radio nichts Hörenswertes kam, stöpselte ich irgendwann meinen iPod in die Anlage und ließ ihn die Playlist mit den 365 Stücken aus meinem inzwischen abgeschlossenen Internetprojekt a day, a second durchshuffeln. Das hatte ich auch bei vorherigen Fahrten schon getan; es hatte allerdings nie einer der Mitfahrer ein Wort zu der Musik verloren. Dieses Mal war das anders. Es kamen zwei Bemerkungen, zum einen die, dass die Auswahl relativ ausgefallen wäre und, dass ich ja wohl eine ganze Menge verschiedenartiger Musik hören würde. Zum andern die, dass ich offensichtlich ein Faible für Gitarren (und zwar oft akustische) hätte. Das fiel mir dann plötzlich auch auf, geschätzte zwei von drei Stücken wurden von Gitarren dominiert. Womit wir bei Kurt Vile wären. Das obige Lied Jesus Fever habe ich gestern das erste Mal gehört und der warme Gitarrenklang hat bei mir sofort ein wohliges, inneres Gefühl ausgelöst, obwohl die Melodie eher melancholisch ist und langsam gespielt wird, ist unbestreitbar, dass hier ein Gitarrenmagier am Werke ist, der auch noch eine gut abgehangene, leicht hingenuschelte Stimme hat. In seiner Band, den Violators gibt es drei Gitarristen. Vom Äußerlichen erinnert Kurt Vile etwas an J. Masics von Dinosaur Jr., musikalisch setzt er sich von Mascis dadurch ab, dass er weniger laut ist, aber seine fließenden Gitarrenklänge umso mehr im Ohr des Zuhörers haften bleiben.

Quiz time

Mai 4, 2011

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Ein paar Fragen zu diesem Lied für Leute mit Stamina, seine Dauer in Sekunden stellt eine Schnapszahl dar. Es passt in großen Teilen ganz gut zur chilligen Stimmung in der Shisha Lounge heute abend, wo wir eine Kollegin verabschiedet haben.

1) Wie heißt das Lied?
2) Von wem wurde es ursprünglich gespielt?
3) Von wem wird es hier gespielt?
4) Nach welchem bekannten Rocksong, der by the way einer meiner Lieblingssongs ist, klingt dieses Cover am Anfang?

6:00 Talk Talk – Ascension Day (1991)

März 19, 2011
https://docs.google.com/uc?id=0B6VP-jaS7U-JZWJkMzFmM2MtMGNhYi00MjMzLTg3NTktYTIzODJkZjFlMGM3&export=download&hl=de

I’ll burn on judgement day

Heute waren wir in Friedrichshain. Sind aus der U1 Warschauer Straße ausgestiegen über die Bahnbrücke, in die Revaler Straße und dann über das ehemalige Gelände des RAW, wo heute das Astra Kulturhaus ist. Außerdem diverse andere Projekte u.a. eine Skatehalle und ein cooles Café. Die Sonne schien als gäbe es kein Morgen. Dann ging es über die schattige Simon-Dach-Straße an einigen Cafés vorbei rechts in die Krossener Straße und zum Boxhagener Platz, wo der Wochenmarkt sich gerade auflöste. Über diverse andere Stationen ging es dann schließlich die Sonntagstraße runter hin zum Lenbachplatz. Auf der langen roten Bank verweilten wir anschließend, hörten die Sechsminutenlieder durch, guckten uns das bunte Treiben an, blinzelten in die Sonne, dösten dahin. Und stiegen schließlich am nahegelegenen Ostkreuz in die S-Bahn gen Hackescher Markt.

(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 360 Stücke ist hier.)

5’58 The Golden Palominos – Pure (1994)

März 17, 2011
https://docs.google.com/uc?id=0B6VP-jaS7U-JNDExNWFkZDktNmIwZC00NzQxLWIwYTUtNDljZjQ2OTQzM2Fj&export=download&hl=de

seven pale scars out of sheer love

1. Fünfundvierzig Lieder zur Auswahl heute abend aber kein wirklich Herausragendes.
2. Hier wird ein dichter Teppich aus Gitarrenklängen und Frauensprechgesang gewoben. Ein Teppich, der sich ganz langsam bewegt.
3. Der Frauenchorgesang im Hintergrund hier erinnert mich an einen Song der Field Mice, einen ihrer späteren, wo sie ins Mystische, in den Trockeneisnebel der Klubs abgleiten.
4. Da war auch etwas von Pat Metheny, das hätte ich auch nehmen können. Mit einem elektrischen Bass, der sich doch sehr nach Jaco Pastorius anhörte. Ich sehe gerade, es war Jaco. Track 5 von hier.
5. Heute morgen habe ich seit knapp zwanzig Jahren das erste Mal wieder geheult. Ich habe keine Ahnung warum. Ich saß im Wohnzimmer auf meinem Ledersessel, trank meinen Assam, hörte ein paar 5’58er Musikstücke auf dem iPod, ich glaube es lief gerade Porgy in der Interpretation von Bill Evans und ich las über die Begegnung und den Briefwechsel der Tochter von Ponto und der Schwester von Susanne Albrecht. Der jetzt als Buch veröffentlicht wurde, Patentöchter heißt es glaube ich. Besonders auffallend war die Betonung des hellen Lichtes Ende Juli 1977, am Tag des Mordes. Ich habe irgendwie versucht, mich daran zu erinnern, wo ich denn zu dem Zeitpunkt war und ich kam zu dem Schluss, dass ich wohl in England in Margate gewesen bin, mit einem anderen deutschen Schüler in einer englischen Gastfamilie. Und dann plötzlich flossen die Tränen, unmöglich sie zurückzuhalten, ich wollte es auch gar nicht. Es tat gut in dem Moment, war aber auch erschreckend weil ich nicht kapiert habe warum. Das letztes Mal war es wegen einer Frau gewesen, dieses Mal waren es Tränen, um der Tränen willen. Ich glaube ich habe das Weinen so lange aufgeschoben, dass es irgendwann kommen musste, nachdem ich viele Gelegenheiten, in denen ich gute Gründe zu heulen gehabt hätte, verpasst hatte, war dieser unschuldige Moment heute morgen, der aus dem Nichts auftauchte, perfekt. Hoffentlich dauert es jetzt nicht wieder zwanzig Jahre bis zum nächsten Mal.

(Die Liste aller seit 1. Februar 2010 ausgewählten 358 Stücke ist hier.)